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Tarsis

Das Zimmer war dunkel. Abgesehen von ein paar auf Standby geschalteten Computerdisplays warf nur das flackernde bläuliche Licht, das durch das große Fenster fiel, ein unstetes Zwielicht in den Raum. Es herrschte absolutes Chaos; leere Pizzakartons lagen auf elektronischen Geräten, umgekippte Weinflaschen neben Pfützen des ausgelaufenen Inhalts, zerknitterte, schmutzige Kleidung füllte die Zwischenräume. Die eigentlich geschmackvolle Einrichtung ging unter in einer Mischung aus E-Paper, Verpackungen und Essensresten.

Tarsis fühlte sich leer. Er hatte das Licht gelöscht, um den Anblick seines Zimmers nicht ertragen zu müssen, und vielleicht auch, um besser nach draußen sehen zu können. Wenn man ihren Ursprung und Zweck nicht kannte, konnte man die bläulich-weißen Blitze der Plasmagattlings, deren unvorstellbar heiße Saat auf die Kolonie Geisler herabregnete, für wunderschön halten. Die Laser-FLAKs hingegen verrichteten unsichtbar ihr Werk, das nur an den gelegentlich zu Boden stürzenden brennenden Kampfschiffen erkennbar war, die auf der Oberfläche in einem gewaltigen Feuerball vergingen und ein dämonisches Orange zu dem Lichterspiel beisteuerten.

Doch das passierte viel zu selten. Bereits nach einer Stunde waren die ersten Bomber, gedeckt von tödlichen Jägergeschwadern, durch den orbitalen Verteidigungsring gebrochen. Die zweite Verteidigungslinie, die für einen solchen Fall auf der Planetenoberfläche bereit gestanden hatte, hatte ihnen ebenfalls nicht viel entgegensetzen können, und so hatten sie begonnen, die Kolonie systematisch auseinander zu nehmen. Es konnte nicht mehr allzu lange dauern, bis auch auf Tarsis’ Zimmer das gleißende Feuer fiel.

Seine Brüder und Schwestern waren unterwegs hier her, doch es war fraglich, ob sie rechtzeitig ankommen würden. Die Cruachar hatten es geschafft, zwei ihrer Flotten zeitgleich an zwei Planeten ankommen zu lassen. Das Oberkommando hatte vor der bitteren Wahl gestanden, die Chrysanthemum-Flotte aufzuteilen und damit zu schwächen, oder nur eine der Kolonien durch sie schützen zu lassen. Da so viele Pyrethros tot oder nicht einsatzfähig waren, war die erste Option zu riskant erschienen, und Geisler war in der Obhut fast der gesamten konventionellen Flotte gelassen worden – vergeblich, wie es schien.

Auch Tarsis war nicht einsatzfähig. Die Psychologin hatte es für ein zu großes Risiko gehalten, ihn in den Kampf zu schicken. Nicht nur das Szenario, dass er aus mangelnder Aufmerksamkeit einen fatalen Fehler begehen konnte, musste bedacht werden, sondern auch die Möglichkeit, dass er aktiv sich und seinem Schiff Schaden zufügen würde.

Ein Teil von ihm wünschte sich, dass sie ihn genau das hätten tun lassen – in den Wall der Feindschiffe hineinfliegen und in einem furiosen Feuerwerk untergehen. Doch was machte es für einen Unterschied? Nun würde er eben warten, bis die Bomber sich in diesen Sektor vorgearbeitet hatten und ihn dem Planetenboden gleich machen würden.

Plötzlich fiel ihm auf, dass immer noch Musik lief – das neue Album von Dexter’s Funeral Carnival, das er irgendwann im Lauf der letzten Stunden aufgelegt hatte. Es hatte eine Weile gedauert, bis es im Geislernet verfügbar gewesen war, doch von da an hatte er es dutzende Male gehört. DFC hatten es seit jeher geschafft, ihn emotional zu berühren – keine Selbstverständlichkeit, da ihm sonst so gut wie alles menschliche fremd erschien, und auch alte Glith-Werke ihm nichts sagen konnten. Hätte es mehr von seiner Art gegeben als ein gutes Dutzend, wäre wahrscheinlich jemand dabei gewesen, in dessen Werken sich Tarsis hätte wiederfinden können.

Er seufzte und sah wieder aus dem Fenster. Die Lichtblitze und das sie begleitende Dröhnen waren näher gekommen.