The Neon Cathedral

Six Silver Bedlam

Prolog

Jessica fühlte sich taub. Sie spürte kaum den stetigen Nieselregen, der sie nach und nach durchnässte und die herbstliche Kälte in ihre Knochen sickern ließ. Die nasse Straße reflektierte das kalte Licht der Straßenlaternen und Leuchtreklamen. Obwohl es spät war, begegneten ihr noch viele Leute, die - genau wie sie - in dunkle Mäntel gehüllt waren; die Kragen hoch gestellt, manche mit Regenschirmen in der Hand. Die meisten ignorierten sie, doch hin und wieder spürte Jessica einen Blick, der auf ihr haften blieb. Sie meinte, Feindseligkeit oder Verachtung darin zu lesen, obwohl sie wusste, dass das Unsinn war. Man sah ihr nicht an, dass sie anders war. Für einen zufälligen Beobachter war sie nur eine von Millionen. Sie war mittelgroß, hatte asiatische Gesichtszüge und dunkle Haare - nichts, was sie von der Masse abhob. Was sie anders machte, verbarg sich unter der unscheinbaren Oberfläche. Nicht jeder bekam ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten - und erst recht nicht ihre Schwächen - zu Gesicht. Viele Bewohner der Stadt wussten nicht einmal, dass es Frauen wie sie gab, und das war vielleicht auch besser so. Jessica hatte schon mehr als einmal erfahren müssen, was die Angst vor dem Anderen anrichten konnte.

Sie bog an der nächsten Ecke ab und gelangte auf eine weniger bevölkerte Straße. Wahrscheinlich sollte sie einfach nach Hause gehen und sich ins Bett legen. Sie hatte heute den halben Tag damit verbracht, überfälligen Papierkram nachzuholen, und den anderen halben Tag versucht, sich zu motivieren, irgend etwas zu unternehmen, ins Fitnessstudio zu gehen, jemanden anzurufen, oder wenigstens etwas zu lesen. Ohne Erfolg. Schließlich war sie nach draußen gegangen, doch das hatte auch nichts besser gemacht. Die Stadt schien die Energie aus ihr heraus zu saugen. Bedlam würde irgendwann ihr Untergang sein; diese Stadt, die einst ihre Rettung gewesen war, als sie dachte, sie könne nirgendwo mehr hin gehen. Entgegen aller Erwartungen hatte sie hier eine Karriere gefunden, Freunde, für eine Weile sogar so etwas wie Geborgenheit. Doch im Lauf der Zeit fühlte sie sich immer öfter gefangen, ziellos und ausgelaugt. Die dunklen Häuserschluchten bedrückten sie. Man konnte kaum den Himmel sehen. Bäume und andere Pflanzen waren eine Rarität geworden. Alles war voll von Menschen, aber die leeren Gesichter der Fremden machten sie nur noch einsamer. Am meisten vermisste sie das Meer. Bei diesem Gedanken drehte sie sich abrupt um und schlug den Weg nach Hause ein. Sie würde ein Bad nehmen, und dann versuchen, zu schlafen. Morgen würde zumindest die Dunkelheit sich für eine Weile zurück ziehen.

Kapitel 1

Mit einer routinierten Bewegung warf Jessica ihren Mantel an einen Haken der Garderobe. Ihre Stimmung war nicht wesentlich besser als am Abend zuvor, aber sie hatte Übung darin, sich das nicht anmerken zu lassen. Sie murmelte Bernhard, der gerade auf dem Weg nach draußen war, einen Gruß zu, und nickte kurz den restlichen Kollegen zu, die sich in Sichtweite befanden, bevor sie ihr Büro betrat. Tom saß schon an seinem Schreibtisch. Er sah auf und lehnte sich zurück, während sie zu ihrem Platz ging und sich in ihren Stuhl fallen ließ.

“Guten Morgen!” sagte er. “Hast du das Memo schon gelesen?”

Jessica sah ihn fragend an.

“Sie kürzen uns die Bandbreite. Und sie prüfen, ob sie das Hardware-Budget auch reduzieren können.”

Jessica vergrub das Gesicht in einer Handfläche. Beinahe hätte sie angefangen, zu weinen. “Nicht dein Ernst”, stöhnte sie. Sie blendete mit ein paar Handbewegungen ihren Posteingang in ihr Sichtfeld ein und öffnete die Nachricht, um sich selbst zu überzeugen. “Die haben ihre Schreibtische wahrscheinlich seit zwanzig Jahren nicht mehr verlassen.” lamentierte sie mit nur leicht übertriebener Verzweiflung. “Die haben keine Ahnung, was wir brauchen, um unsere Arbeit da draußen zu machen, oder?”

Tom breitete zustimmend die Arme aus. “Wahnsinn, oder? Und dann wundern sie sich, wenn die Aufklärungsraten einbrechen, und behaupten, wir hätten zu viel Urlaub oder zu lange Mittagspausen.”

Jessica schüttelte fassungslos den Kopf. Es schien, als wolle die ganze Welt sie fertig machen. Sie wischte die Nachricht zur Seite und warf noch einen Blick in ihren Eingangsordner, in der vagen Erwartung, dass dort noch mehr Hiobsbotschaften auf sie warteten. Auf den ersten Blick sah es jedoch nicht so aus, und bevor sie sich mit den alltäglichen Nachrichten befassen konnte, kam Hagström herein.

“Ah, Nguyen, Sie sind auch da,” sagte sie statt einer Begrüßung. “Gut. Dann kann ich Sie beide zusammen einweisen. Es gibt einen neuen Fall.”

Sylvia Hagström war Jessicas und Toms Vorgesetzte. Sie war eine der wenigen Frauen in einer Führungsposition, oder vielmehr, eine der wenigen Frauen überhaupt bei der Polizei von Bedlam. Das war vermutlich der Grund dafür, dass sie versuchte, keinerlei Schwäche zu zeigen. Doch wenn man gelernt hatte, hinter die harte Fassade zu sehen, sah man, dass sie vernünftig und nicht ohne Mitgefühl war.

Hagström gestikulierte einen Moment lang in der Luft herum. Zwischendurch zeigte sie auf Jessica und Tom. Neben Jessicas Posteingang leuchtete ein rotes Symbol auf. Hagström hatte eine Ansicht mit den beiden geteilt. Jessica führte ihre Hand zu der halb durchsichtigen Grafik. Ihre Nachrichten verschwanden. Hagström wischte von links nach rechts durch die Luft, und es erschienen mehrere Fotos vor Jessicas Augen, die vermutlich einen Tatort zeigten.

“Wir haben zwei Leichen; einen Mann, Anfang vierzig, mit etlichen Messerstichen, und eine Frau, Mitte dreißig, mit Schusswunden in der Brust. Klingt an sich nach zwei Fällen, außer, dass beide im gleichen Schuttcontainer im ehemaligen Industriegebiet in Lexington gefunden wurden.”

“Wer hat sie gefunden?” fragte Tom.

“Ein Jugendlicher, der dort mit Freunden herum gestöbert hat.” erklärte Hagström.

Jessica wandte den Blick von den Bildern zu ihr. “Haben wir schon Identitäten?”

Hagström schüttelte den Kopf. “Die Spurensicherung ist fast durch, aber es gibt noch nichts Definitives.”

“Wir fahren gleich mal hin und sehen uns das an.” beschloss Jessica.

Der dunkelblaue Dienstwagen rollte durch menschenleere Straßen. Am Fundort hatte es wenig Neues zu erfahren gegeben. Die unterschiedlichen mutmaßlichen Todesursachen gaben immer noch Rätsel auf. Eventuell würde die medizinische Untersuchung Klarheit schaffen. Auch wer die beiden waren, war noch immer unbekannt. Die einzige unmittelbar verwertbare Spur waren Reifenabdrücke, die von den Tätern stammen konnten. Die Spurensicherung hatte eine Drohne los geschickt, um ähnliche Abdrücke in der Umgebung zu finden und den Abrieb chemisch zu vergleichen - mit Erfolg. Jessica und Tom hatten sich die Koordinaten, die die Drohne ausgespuckt hatte, kopiert und sich auf den Weg gemacht.

Nach kurzer Fahrt kamen sie an einem von Stacheldrahtzaun umgebenen Gelände mit einem halben Dutzend heruntergekommener Gebäude in verschiedenen Größen an. Das Tor stand offen, und sie hielten auf einem Parkplatz, der früher wohl für Besucher bestimmt gewesen war. Jessica stellte den Motor ab. “Naheliegende Wahl, um jemanden umzubringen”, sagte sie. “Jede Menge Platz, keine störenden Nachbarn.”

Tom nickte. “Es wird höchste Zeit, dass die Sanierung beginnt. Es war sowieso eine furchtbare Idee, das Industriegebiet zu schließen. Das hat nur Probleme gemacht. Und alles nur, weil es den wohlhabenden Herrschaften in der Nachbarschaft ein Dorn im Auge war.”

Jessica seufzte. “Das geht natürlich nicht, dass die Geldsäcke auf Schornsteine schauen müssen. Da verlegt der Herr Bürgermeister doch lieber das ganze Gebiet in den Süden, zu den armen Schluckern, die keine Lobby haben. So läuft es doch immer.” Sie öffnete die Tür. “Komm, wir sehen uns um.”

Sie gingen zuerst in das vorderste Gebäude, an dessen Fassade noch die Schatten eines Firmen-Schriftzuges zu sehen waren. Das Innere bestand hauptsächlich aus Büros und ein paar Konferenzräumen. Vereinzelt waren kaputte Möbelstücke zurück geblieben, doch die meisten Zimmer waren fast komplett leer. Der Verfall hatte noch nicht ernsthaft eingesetzt, aber eine dünne Staubschicht ruhte auf allen Böden und Oberflächen. Sie fanden keine Anzeichen dafür, dass hier ein Verbrechen stattgefunden hatte, und gingen schließlich weiter zum nächsten Gebäude. Hier dominierten Fertigungshallen und Lagerräume, auch sie weitgehend leer, abgesehen von einigen Regalen und der ein oder anderen Werkbank. Zuerst sah es auch hier so aus, als sei nichts zu finden, doch in der vierten Halle bekam Jessica das Gefühl, dass hier etwas anders war. Sie blieb stehen, runzelte die Stirn und blickte sich um.

“Was ist?” fragte Tom, der ihren Gesichtsausdruck bemerkt hatte.

“Irgendetwas stimmt nicht,” sagte Jessica nachdenklich. Sie ging noch einmal zurück zur letzten Halle und ließ ihren Blick umher schweifen.

Tom folgte ihr. “Was meinst du?” fragte er.

“Ich weiß nicht. Etwas ist anders in der nächsten Halle.”

Sie gingen gemeinsam wieder hinüber. Sekundenlang starrten sie beide in den leeren Raum hinein. Dann senkte Tom plötzlich den Blick. Er ging in die Knie und fuhr mit dem Finger über den Boden. Da traf es auch Jessica wie ein Blitz. “Kein Staub!” rief sie. “In den anderen Räumen ist überall eine dünne Schicht Staub.”

“Hier nicht,” nickte Tom und streckte ihr seinen klinisch sauberen Zeigefinger entgegen. “Hier hat jemand vor kurzem geputzt.”

Beide fingen an, kreuz und quer durch die Halle zu laufen und nach weiteren Hinweisen zu suchen, doch sie war komplett leer und einfach nur ein ganzes Stück zu sauber.

“Lass uns die Experten holen.”, schlug Jessica vor. “Die Spurensicherung findet normalerweise auch noch etwas, wenn jemand einen Frühjahrsputz gemacht hat.”

Kapitel 2

Siobhan erwachte schweißgebadet. Fetzen eines Albtraums geisterten noch durch ihren Kopf; Blut und Schreie, ein großer leerer Raum, eine Waffe in ihrer Hand. Anezkas Gesicht, zu einer Grimasse verzerrt, und zwei weitere Gesichter, zu denen ihr die Namen nicht einfielen, aber die sich geradezu in ihre Netzhaut gebrannt hatten. Ihr Herz klopfte und ihr Atem ging schnell und stoßweise. Sie presste die Augen zu, als hoffte sie, wieder einzuschlafen, und diesmal von sanfteren Träumen empfangen zu werden. Doch sie wusste, dass das nicht passieren würde. Sie kämpfte die aufsteigende Panik hinunter und stand mit einem Ruck aus dem Bett auf. Es würde noch eine Stunde dauern, bis ihr Wecker klingelte, aber an Schlaf war nicht mehr zu denken, also konnte sie genau so gut aufstehen. Sie versuchte, nicht an den Traum und vor allem nicht an die letzten paar Tage zu denken, sondern sich auf den Tag vor ihr zu konzentrieren. Sie zog sich ein T-Shirt und eine Sporthose über, ging zur Küchenzeile und schaltete die Kaffeemühle ein. Das Schnarren, das anzeigte, dass sich die schwarzen Bohnen in feines Pulver verwandelten, holte Siobhan in ihren Alltag zurück. Sie öffnete einen der Küchenschränke und fischte zwei Scheiben Toast heraus, wie jeden Morgen. Als sie sie in den Toaster gesteckt und ihn angeschaltet hatte, war die Kaffeemühle fertig. Sie klopfte den alten Satz aus dem Siebträger der Espressomaschine und füllte ihn mit frischem Pulver. Jeder Handgriff saß. Ihre Hände zitterten nicht. Kaffee und Toast waren wie immer fast gleichzeitig fertig. Zusammen mit der Marmelade trug sie beides zum Tisch. Heute war Dienstag, also würde am Vormittag das wöchentliche Planungsmeeting statt finden. Sie strich Marmelade auf eine Scheibe Toast und biss hinein. Da sie schon so früh wach war, würde sie vor dem Meeting noch das Design für Human Touch überarbeiten können. Sie sah aus dem Fenster, obwohl es dort nichts zu sehen gab außer Dunkelheit, und überlegte, welche Verbesserungen sie noch umsetzen würde.

Den Tag über vertiefte sie sich in ihr Projekt. Auch das Meeting bot willkommene Ablenkung. Obwohl sie früh gekommen war, blieb sie länger als sonst. Die meisten anderen waren schon weg, nur Mirembe werkelte auch noch an einem Design. Siobhan schaute kurz zu ihr hinein und plauderte ein wenig mit ihr, bevor sie das Büro verließ. Draußen war es schon wieder dunkel. Ohne einen Abstecher nach Hause ging sie direkt ins Labyrinth. Moira, die Betreiberin, stand heute selbst hinter dem Tresen. Siobhan winkte ihr zu, aber Moira war beschäftigt und sah sie nicht. Das Pub war wie immer gut besucht. Als Siobhan sich nach einem freien Platz umsah, bemerkte sie Ellen, die alleine an einem kleinen Tisch saß. Ihre Augen waren ins Leere gerichtet und bewegten sich langsam hin und her. Vermutlich las sie etwas. Sie war in ihrem Stuhl zurück gelehnt und hatte die Hände im Schoß gefaltet. Zu einer einfachen Jeans trug sie eine schwarze Bluse mit einem roten Aufdruck. Ihre dünnen schwarzen Zöpfe waren locker zusammen gebunden. Siobhan ging zu ihr hinüber. “Darf ich stören?” fragte sie mit gespielter Höflichkeit. Ellen drehte den Kopf, lächelte und stand auf, um sie zu umarmen.

“Hey, Süße! Wie geht es dir?”

Siobhan winke ab. “Langer Tag”, seufzte sie.

Ellen sah sie mitleidig an. Dann griff sie nach dem Weinglas, das vor ihr auf dem Tisch stand, und trank es in einem Zug aus. “Du brauchst erst einmal etwas zu trinken.” verkündete sie. “Setz dich. Ich bin gleich wieder da.”

Siobhan tat, wie ihr geheißen, während Ellen in Richtung Bar verschwand. Sie sah sich um. Das Labyrinth machte seinem Namen alle Ehre. Außer dem Raum, in dem sie sich befand, gab es noch mehrere andere Räume, in denen Billardtische, Videospiele, Sofas, eine Konzertbühne und noch eine weitere Bar standen. Sie waren durch verwinkelte Gänge miteinander verbunden. Von den Leuten um sie herum kannte Siobhan viele zumindest vom Sehen. Zeitweise verbrachte sie alle ihre freien Abende hier. Das Pub hatte den Ruf, auch Leute willkommen zu heißen, die anderswo verstoßen wurden. Hier tummelte sich eine bunte Mischung aus Punks, Queers, Platinenköpfen, Nornen, Goths, Ökos, Mutanten und was die abgelegenen Gassen von Bedlam sonst noch her gaben. Auch Siobhan fühlte sich hier wohler als an den meisten anderen Orten der Stadt, abgesehen von einem kleinen Park in Granna. Beim Gedanken an den Park drohte eine Flut von Bildern in ihr Bewusstsein zu drängen, doch sie schob sie energisch beiseite. Sie konnte jetzt nicht daran denken. Nicht hier. Sie würde sich später damit befassen. Glücklicherweise kam in diesem Moment Ellen mit zwei vollen Gläsern von der Bar zurück. Sie reichte Siobhan ein helles Bier und behielt selbst das Glas Weißwein in der Hand. Sie stießen an.

“Auf uns”, sagte Ellen lächelnd. “Kommst du direkt von der Arbeit?” fragte sie dann. Siobhan nickte. “Armes Ding”, bedauerte Ellen sie. “Ich war vorhin im Krankenhaus. Hast du gehört, dass es schon wieder eine Explosion in der Mine gegeben hat? Jacinta hat es böse erwischt, aber sie kann noch von Glück reden - drei andere sind tot, und einige der Verletzen schweben noch in Lebensgefahr.”

“Verdammt”, stieß Siobhan zwischen zusammen gepressten Zähnen hervor. Sie hatte noch nichts von dem neuen Unglück gehört, aber das Bergwerk war ihr seit langem ein Dorn im Auge. Es verschmutzte den Fluss, hatte zur Abholzung der Wälder in der Umgebung beigetragen und damit Überschwemmungen verursacht, und die Arbeiter mussten sich unter unsäglichen Bedingungen und großer Gefahr für Leib und Leben für einen Hungerlohn abrackern. Siobhan hatte sich an mehreren Protesten und Blockaden beteiligt, aber es hatte sich offensichtlich nichts verändert.

Ellen schien ihren Gedankengang zu erahnen. “Entschuldige”, sagte sie sanft, “das muss frustrierend für dich sein. Lass uns über etwas angenehmeres reden. Maeva und Ngozi sind jetzt zusammen”, wechselte sie übergangslos das Thema. “Nicht, dass es irgend jemanden überraschen würde”, fügte sie grinsend hinzu.

Siobhan musste auch lächeln. Die beiden tänzelten schon seit Wochen umeinander herum, ohne dass einer den entscheidenden Schritt machte. “Und wer hat jetzt die Initiative ergriffen?”

“Was denkst du?” schmunzelte Ellen.

Siobhan dachte kurz nach. “Maeva?” Sie waren zwar beide relativ jung und schüchtern, doch ihr traute Siobhan es am ehesten zu, über ihren Schatten zu springen.

Ellen nickte zufrieden. “Du kennst die beiden.”

Die zweite Runde Getränke holte Siobhan, und sie unterhielten sich noch eine Weile über Neuigkeiten und Gerüchte.

Kapitel 3

Während die Spurensicherung ihrer Arbeit nachging, sahen sich Jessica und Tom weiter in der Umgebung um. Sie kontrollierten noch die übrigen Gebäude auf dem Gelände, jedoch ohne Erfolg. Dann fuhren sie ein paar Runden durch die Umgebung. Sie hätten auch eine Drohne schicken können, aber wenn sie nicht genau wusste, wonach sie suchte, vertraute Jessica lieber auf menschliche Augen und altmodischen Instinkt. Ein paar Halbstarke tummelten sich an einer ehemaligen Bushaltestelle, aber waren zu schnell wieder verschwunden, um sie zu befragen. Dabei fiel Jessica der Jugendliche ein, der die Leichen gefunden hatte, und sie schickte eine Nachricht ans Revier, dass die Kollegen ihn noch einmal vorladen sollten. Beim Umherfahren entdeckten sie vereinzelt Obdachlose, die in der Nähe Ihr Quartier aufgeschlagen hatten. Dem ersten und zweiten konnten sie nichts Verwertbares entlocken, doch der dritte erzählte im Austausch gegen eine großzügige Spende in seinen Hut von zwei Frauen, die ihm aufgefallen waren. Er habe sie in den letzten Tagen zwei Mal gesehen, “eine Öko und eine Grufti”, beide blond und mittelgroß und zwischen dreißig und vierzig. Sie nahmen alles auf, an das er sich erinnern konnte.

Es war bereits weit nach Mittag, also fuhren sie erst einmal zu Stavros Imbiss, um sich zu stärken. Danach kehrten sie zum Revier zurück und gaben die Beschreibung des Obdachlosen an die Techniker weiter, die eine entsprechende Suche in den Aufzeichnungen aller verfügbaren Überwachungskameras programmierten. Da der Zeitraum relativ groß war, würde es eine Weile dauern, bis die ersten Ergebnisse kamen. Anschließend erledigte Jessica noch einige notwendige aber wenig produktive Arbeiten, dann nahm sie erschöpft ihren Mantel und machte sich auf den Weg nach Hause.

Das Dunkelgrau des Regentages war dem Schwarz der Nacht gewichen. Es hatte aufgehört zu regnen, aber die Straßen waren noch nass und die Pfützen schimmerten in allen Regenbogenfarben. Die Artemisstraße, in der das Revier lag, war eine der belebteren Straßen in der Innenstadt. Es war etwa eine Viertelstunde Fußweg von hier bis zu Jessicas Wohnung. In Gedanken versunken trottete sie los und kam bald durch einsamere Sträßchen und Gassen. Nur wenige Straßenlaternen leuchteten, doch sie kannte den Weg in- und auswendig und achtete kaum auf ihre Umgebung. Um so heftiger zuckte sie zusammen, als sie eine plötzliche Bewegung direkt neben sich sah. Sie fuhr herum. Vor ihr stand ein Mann, einen Kopf größer als sie und dunkel gekleidet. Er musste im Schatten eines Hauseinganges gestanden haben. Bevor sie reagieren konnte trat er noch einen Schritt auf sie zu, packte sie am Arm und zog sie in Richtung des Eingangs. Sein Atem stank nach billigem Schnaps. “He!” rief sie. “Lass mich los! Was willst du von mir?” Doch als seine Augen sie für einen Moment fixierten, meinte sie, die Antwort nur zu deutlich darin zu sehen. Es war nicht das erste Mal, dass sie diese seltsame Mischung aus Abscheu und Gier bei einem Mann sah. Ihr Puls raste. Sie spürte ihn in ihrem Hals und in ihren Schläfen pochen. Verzweifelt versuchte sie, sich los zu reißen, aber sein Griff war zu fest. Instinktiv kehrte sie ihre Bemühungen um und versuchte stattdessen, den Fremden nach hinten um zu schubsen. Er taumelte kurz, stieß dann jedoch gegen die Hauswand und fing sich dadurch wieder. Während er noch unsicher auf den Beinen war, zog sie ihn mit dem Arm, den er fest hielt, wieder zu sich hin und schlug mit der freien Hand nach seiner Kehle. Doch er hatte entweder Glück oder gute Reflexe, und parierte mit seinem freien Arm ihren Schlag. Verzweiflung machte sich in ihr breit. Körperlich war sie ihrem Gegner nicht gewachsen, und durch die Überraschung war sie in einer schlechten Position für einen Kampf. Ihr blieb nur noch eine Möglichkeit. Sie gefiel ihr nicht, und sie war nicht unfehlbar, doch sie würde auf keinen Fall aufgeben und sich dem Willen dieses Scheusals beugen. Sie schloss für einen Moment die Augen und sammelte sich. Dann begann sie zu singen. Sofort lockerte sich der Griff des Angreifers ein wenig. Jessica sang ohne Worte, doch die Melodie erzählte vom Meer, von der Stille und der Tiefe und der Dunkelheit, von der Sehnsucht und der Unendlichkeit. Mit jeder Note löste sich die Hand des Mannes ein bisschen mehr. Sein Blick wurde leer, und sein Körper verlor die Spannung. Endlich ließ er sie ganz los. Er drehte sich von ihr weg und begann langsam zu gehen. Jessicas Stimme hallte durch die Häuserschluchten. Sie sang von geheimen Höhlen im Ozean, von versunkenen Städten voller Reichtümer und von unvorstellbarer Glückseligkeit auf dem Grund des Meeres. Der Fremde hatte einen Müllcontainer erreicht und kletterte an ihm hoch. Ohne ihren Gesang zu beenden setzte sich auch Jessica wieder in Bewegung, weiter die Straße hinab. Sie sah noch, wie der Angreifer auf dem Container stehend eine Feuerleiter zu sich herunter zog und begann, sie hinauf zu steigen. Dann war sie an ihm vorbei und sah nicht mehr zurück. Durch ihr Lied drang leise der metallische Klang von Schuhen auf Leitersprossen. Dann verstummte er. Ihr Lied mündete in ein subtiles Crescendo. Als sie die nächste Straßenecke erreichte, hörte sie einen dumpfen Aufprall. Sie erlaubte ihrem Gesang, langsam leiser zu werden und schließlich zu enden. Ihr Herz schlug wieder normal, doch sie fühlte sich noch elender und ausgelaugter als zuvor. Sie blinzelte Tränen aus ihren Augen und beschleunigte ihre Schritte. In fünf Minuten würde sie zu Hause sein. Sie würde ein Bad nehmen, sich unter ihrer Bettdecke verstecken, und versuchen, alles zu vergessen.